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Basler Zeitung 04.06.2003 Seite 26

Basel-Stadt Wie aus Fremden Basler wurden „Niemand war schon immer da“: Ein neuer Stadtrundgang setzt sich mit dem Thema Einwanderung nach Basel auseinander. Geführt wird die Tour von einem Schauspieler. Der Schwarze Samuel war ein schwerer Junge. Von Oberwil aus suchte er mit seiner Bande die Stadt Basel heim. Er brachte die Marktfahrer um ihren Geldbeutel und manchmal auch um ihr Leben. Als Landstreicher hatte Samuel Kestenholz keine Rechte, er und seine Leute waren zum Herumstreunen verdammt. 1732 ging die Bande der Basler Justiz ins Netz. Nach einem Schauprozess mit grausigen Folterungen wurde er zusammen mit drei Männern und vier Frauen hingerichtet. Knapp 300 Jahre später ist der Schwarze Samuel wieder unterwegs, diesmal als Führer eines historischen Stadtrundgangs zum Thema Einwanderung. Die beiden Historiker Mike Gosteli und Gregor Dill arbeiteten für das Projekt mit dem Basler „ex/ex theater“ zusammen. Anhand von acht Biografien wird die Geschichte Basels aus der Perspektive der Einwanderer erzählt. Der Name des Stadtrundgangs ist Programm: „Niemand war schon immer da.“ Lebendige Darstellung Gleich zu Beginn macht der Führer seinem Publikum den Tarif klar: „Ich gebe euch einen Tipp“, erklärt er, „vergesst diesen Stadtrundgang. Da labbert euch doch nur so ein Historiker mit Daten voll.“ Und so spannt er den Veranstaltern das Publikum aus und macht sich mit seiner Handorgel auf den Weg zum Spalentor. Der untote Stadtführer, so will es das Drehbuch, zieht seit seiner Hinrichtung ruhelos durch die Quartiere. Die Personen, deren Schicksal er erzählt, hat er alle persönlich gekannt. Er erfand zusammen mit dem Chemie-Professor Christian Friedrich Schönbein (1799-1868) die Schiessbaumwolle oder traf den jüdischen Flüchtling Kurt Seliger (1921-1999). Dass den Machern des Rundgangs die lebendige Darstellung der Geschichte wichtiger ist als die absolute historische Wahrheit, macht der Schwarze Samuel gleich zu Beginn des Rundgangs am Heuberg klar: „Wisst ihr, weshalb dieses Haus ‹zum Gluggerturm› heisst“, fragt er seine Zuhörer. „Ich auch nicht…“ Aus dem früheren Raubmörder ist ein Lausbube geworden, der den Gästen im Boulevardcafé das Weinglas leert und sich köstlich amüsiert, wenn er sein Publikum neben dem Zebrastreifen illegal über die Strasse führen kann. Geschickt werden auf dem gut eineinhalb Stunden dauernden Rundgang Orte und Lebensläufe miteinander verknüpft. Auf dem Petersplatz lagerten während des Dreissigjährigen Krieges (1618-1648) elsässische Flüchtlinge. Rund 10 000 Einwohner zählte Basel damals, dazu kamen bis zu 7500 Vertriebene. Zu den Einwanderern gehörten auch die Bernoullis, eine Familie aus den Niederlanden, die an der Universität Basel eine eigentliche wissenschaftliche Dynastie etablierte. Andere klingende Namen waren die Mivilles, Vischers oder Sarasins. Hier schliesst sich ein Kreis, denn vom Geld dieser Familien profitiert schlussendlich auch der Stadtrundgang: Unter anderem wird die Veranstaltung von der Stiftung der Bank Sarasin „zur Förderung der Lebensqualität in Basel und Umgebung“ finanziert. „Das ist es, was Basel zu dem gemacht hat, was es heute ist“, schwärmt Samuel. „Niemand war schon immer da.“ Die Idee, dass die Bevölkerung aus den Nachkommen von Zuwanderern besteht, sei so einfach, dass sie meist ausgeblendet werde, sagt Veranstalter Gregor Dill. „Diskussionen um die Ausländerproblematik werden oft vor dem Hintergrund der Annahme geführt, dass die Einheimischen schon immer da waren.“ Diese Denkmuster wollen die beiden Historiker aufbrechen. Als Landstreicher aktenkundig Aber nicht alle Neuankömmlinge blieben in Basel. Während Familien wie die Vischers und Sarasins heute zum Daig gehören, wurden andere in ihrem Herkunftsland „berühmt“. Zum Beispiel der junge italienische Militärdienstverweigerer, der 1903 nach Basel kam und hier als Landstreicher und politischer Aufrührer aktenkundig wurde. Zurück in Italien machte Benito Mussolini „Karriere“ und ging als Duce und faschistischer Diktator in die Geschichte ein. Andreas Merz Seit 3. Juni jeweils Dienstag und Donnerstag um 20 Uhr. Treffpunkt Leonhardskirchplatz. Anmeldung: Telefon 076 367 94 94.